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Euthanasie-Verbrechen
Dimensionen
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Geschichte->Euthanasie-Verbrechen->Dimensionen

Die landesgeschichtliche oder regionalgeschichtliche Dimension

Grafeneck besitzt eine herausragende Bedeutung für die südwestdeutsche Landesgeschichte und für die Geschichte des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg. Untrennbar ist der Ort Grafeneck verknüpft mit der Landesgeschichte Baden-Württembergs, mit all seinen Landesteilen, seinen Städten und Ortschaften.
Nach dem heutigen Wissensstand waren es exakt 40 Behinderteneinrichtungen und psychiatrische Einrichtungen in Baden-Württemberg - 22 württembergische, 17 badische und mit Sigmaringen eine hohenzollerische - aus denen die Opfer in die Tötungsanstalt Grafeneck verbracht wurden. Bei einer Öffnung des Blicks über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus – vor allem nach Bayern – waren es sogar 48 Einrichtungen, Heil- und Pflegeanstalten genannt, aus denen die Opfer stammten. Für alle diese Einrichtungen, die heute zum aller größten Teil noch existieren, ist Grafeneck ein historischer Bezugspunkt schlechthin.

Die stadt- und ortsgeschichtliche Dimension

Eine weitere Bedeutungsebene liegt in der Herkunft der Opfer (aber auch der Täter und der Tatbeteiligten). Fragt man nach ihrem jeweiligen Geburts- oder Wohnort, so eröffnet dies eine weitere Perspektive, neben der nationalen und der regionalen, eine stadt- und ortsgeschichtliche. Bereits eine oberflächliche Betrachtung der Akten zeigt, dass die über 10.600 Opfer aus allen großen und mittleren und einer nahezu unüberschaubaren Zahl auch kleiner und kleinster Gemeinden Baden-Württembergs stammten.
Jeder der vier Regierungsbezirke in Baden-Württemberg, jeder der Stadt- und Landkreise, alle größeren, aber auch eine ungeheure Zahl mittlerer und kleiner Gemeinden Baden-Württembergs haben Opfer der NS-”Euthanasie” zu beklagen. An dieser Stelle sollen lediglich die Heimatorte der Opfer einer einzigen Einrichtung, der heutigen Diakonie Stetten im Remstal, aufgezählt werden:

Stuttgart, Karlsruhe, Reutlingen, Vaihingen/Enz, Neuenstein, Eningen/Achalm, Cannstatt, Esslingen, Oberurbach, Ludwigsburg, Ennabeuren, Wimpfen, Heilbronn, Ottenbronn, Pleidelsheim, Sindelfingen, Zuffenhausen, Schorndorf, Göppingen, Untertürkheim, Altensteig, Neckargartach, Kirchheim/Teck, Geislingen/Steige, Strümpfelbach, Ebersbach/ Fils, Biberach/Riß, Gültstein, Feuerbach, Schnaitheim, Kornwestheim, Bietigheim, Metzingen, Holzgerlingen, Brackenheim, Neuffen, Rottweil, Waldenbuch, Pfullingen, Heidenheim/Brenz, Stetten i.R., Neuenbürg, Schwäbisch Gmünd, Leutkirch, Ulm, Heimsheim, Tuttlingen, Marbach/Neckar, Gaildorf, Calw, Möhringen, Beutelsbach, Öhringen, Münchingen, Tübingen, Böblingen, Crailsheim, Nufringen, Untertürkheim, Freudenstadt, Haigerloch, Herbrechtingen, Calmbach, Süssen, Eltingen, Aalen, Trossingen, Hemmingen, Kleingartach, Schramberg, Nürnberg, Bolheim, Loßburg, Bietigheim, Giengen/Brenz, Aufhausen, Neustadt, Geißelhardt, Hohenhaslach, Tamm, Hausen ob Lontal, Schwenningen, Gschwend, Kuchen, Nagold, Winnenden, Großaspach, Künzelsau, Asselfingen, Unterensingen, Markgröningen, Mannheim, Hirsau, Schrozberg, Entringen Öhringen, Eschach, Unterböhringen, Magstadt, Sulzbach/Murr, Diefenbach, Hechingen, Aldingen/Neckar, Heuchlingen.

Eine Aufstellung für alle 48 Einrichtungen steht noch aus, aber Ergebnisse zeichnen sich im oben erwähnten Sinne ab. Die Liste der Städte und Gemeinden aus denen die Opfer stammten, also geboren waren und/oder gelebt hatten, umfasst bereits jetzt über 1.000 Einträge. Darunter mehrere hundert baden-württembergische Städte und Gemeinden – dies bei einer Zahl von 1.111 Städten und Gemeinden insgesamt. Für die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart lässt sich die Zahl der Opfer zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht präzise bestimmen, sie liegt aber in einer Größenordnung von mehreren hundert Menschen. Zu den Opfern von Grafeneck zählen aber auch Menschen anderer Länder und Regionen, wie beispielsweise der benachbarten Schweiz (Zürich, St. Gallen, Chur usf.), aber auch so weit entfernte oder exotische wie die der Vereinigten Staaten (New York), der Ukraine (Charkow) oder der Südsee (Samoa).

Die Dimension Individuum und Familie

Zuletzt ist Grafeneck nicht nur ein Faktor der nationalen Geschichte und der Landesgeschichte, sondern auch einer, der sich in 10.654 Familiengeschichten hinein erstreckt. Das Leben von exakt so vielen Menschen wurde im Jahr 1940 gewaltsam beendet, die Opfer grausam ermordet. Dieses historische Faktum wirkt fort bis in die Gegenwart. Jede Woche wenden sich Verwandte der Opfer, sowohl Angehörige der Opfergeneration(en) als auch Jüngere, an die Gedenkstätte und suchen um Auskünfte nach. Oftmals ein jahrzehntelanger verdrängter und tabuisierter Teil der familiären Geschichte. Rückblickend auf das letzte Jahrzehnt erkennt man klar, dass die Zahl der anfragenden Nachkommen und Angehörigen beständig angestiegen ist. Eine Erklärung hierfür mag sein, dass erst die Zeit Barrieren und Hemmungen beseitigt hat und paradoxerweise dadurch die Vergangenheit näher an die Gegenwart herangerückt ist, eine Vergangenheit, die nicht vergeht.

Industrieller Mord: NS-„Euthanasie“ in Grafeneck

Die Wahl Grafenecks als Standort für die reichsweit erste Vernichtungsanstalt ging auf das enge Zusammenwirken der Berliner „T4“-Behörde (Tiergartenstraße 4) mit dem württembergischen Innenministerium in Stuttgart zurück. Schloss Grafeneck, im heutigen Kreis Reutlingen sechs Kilometer von der Stadt Münsingen entfernt, entsprach hierbei in nahezu idealer Weise den Organisations- und Geheimhaltungskriterien der „Euthanasie“-Planer, lag es doch abgeschieden und leicht abzuschirmen auf einer langgestreckten Anhöhe der Schwäbischen Alb. Daneben, und dies spielte eine ebenso große Rolle war das 1929 von der Samariterstiftung Stuttgart erworbene und seither als Behindertenheim genutzte Schloss, gerade keine staatliche, sondern eine konfessionelle Einrichtung. Die Planer im Württembergischen Innenministerium wollten bewusst verhindern, dass beispielsweise eine so alte Institution wie die Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten mit den bevorstehenden „Euthanasie“-Morden in Verbindung gebracht wurde. Daneben bot das Schloss Grafeneck die Logistik, von räumlichen Unterbringungs- und Arbeitsmöglichkeiten für die große Zahl der Täter wie für deren
Bürokratie. Die Unterbringung des Tötungspersonals, das von Berlin und Stuttgart aus rekrutiert wurde, erfolgte ab Oktober 1939. Es setzte sich aus etwa achtzig bis 100 Personen zusammen. Der eigentliche Tötungskomplex, das heißt der Ort an dem die Morde stattfanden, befand sich etwa dreihundert Meter vom Schloss entfernt und bestand aus dem mit einer Gaskammer versehenen Tötungsschuppen, dem Krematorium mit zwei mobilen Verbrennungsöfen, einer Aufnahmebaracke, in der die Opfer entkleidet, fotografiert und einer oberflächlichen ärztlichen Begutachtung unterzogen wurden, sowie einer Garage für die in Grafeneck stationierten und zum Transport der Opfer eingesetzten grauen Busse.

Von Grafeneck nach Auschwitz – „Euthanasie“ und „Endlösung“

Der spätere Einsatz des „Euthanasie“-Personals und der Tötungstechnologie der Gasmord-Anstalten zur Ermordung der europäischen Juden zeigen den direkten Zusammenhang zwischen den „Euthanasie“-Verbrechen und der „Endlösung der Judenfrage“: Dr. Horst Schumann (1906–1983), zwischen Oktober 1939 und April 1940 der erste Leiter und ärztlicher Direktor von Grafeneck, war ab Herbst 1942 Lagerarzt in Auschwitz und selektierte an der Rampe von Birkenau. Daneben war er verantwortlich für grausame und oftmals tödliche Röntgensterilisationsversuche. Der Stuttgarter Polizeikommissar Christian Wirth, der die ersten Vergasungen in Grafeneck leitete, wurde 1941/42 zum ersten Kommandant des Vernichtungslagers Belzec in Polen und später Generalinspekteur der Vernichtungslager Belzec, Treblinka und Sobibor.





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